© 2017 Holger Rogall

NACHHALTIGE ÖKONOMIE

Zieldreieck der Nachhaltigen Ökonomie

Kernaussagen der Nachhaltigen Ökonomie/Ökonomik: Kurzfassung

Die Nachhaltige Ökonomie ist entstanden aus der Volkswirtschaftslehre und der Sustainability Science (insbes. der Ökologischen Ökonomie und Neuen Umweltökonomie). Das Netzwerk definiert sie als „ökonomische Theorie der Nachhaltigkeitsforschung unter Berücksichtigung der transdisziplinären Grundlagen". Im Zentrum stehen hierbei die Fragen, wie sich ausreichend hohe ökonomische, ökologische und sozial-kulturelle Standards in den Grenzen der natürlichen Tragfähigkeit erreichen, sowie das intra- und intergenerative Gerechtigkeitsprinzip verwirklichen lassen. Hierzu hat sich das Netzwerk Nachhaltige Ökonomie zunächst auf die folgenden Kernaussagen verständigt (hierzu findet sich jeweils ein Kapitel in dem Buch von Holger Rogall - Nachhaltige Ökonomie):

 

1. Starke Nachhaltigkeit

Die derzeitige Entwicklung der Menschheit wird als nicht zukunftsfähig betrachtet, die Nachhaltige Ökonomie sieht daher die Notwendigkeit eines neuen Leitbilds und bekennt sich zu einer Position der starken Nachhaltigkeit. Damit wird die Wirtschaft als ein Subsystem der Natur und die natürlichen Ressourcen größtenteils als nicht substituierbar angesehen. Das Drei-Säulen-Modell, das von einer Gleichwertigkeit der Zieldimensionen ausgeht (ohne absolute Naturgrenzen), wird somit abgelehnt und stattdessen absolute Grenzen der Natur anerkannt. Im Mittelpunkt steht die dauerhafte Erhaltung und nicht der optimale Verbrauch der natürlichen Ressourcen.

 

2. Pluralistischer Ansatz, Abgrenzung bei Aufnahme einzelner Aspekte der neoklassischen Umweltökonomie

Die Nachhaltige Ökonomie fühlt sich einem Methodenpluralismus verpflichtet. So erkennt sie bestimmte Erkenntnisse der traditionellen Umweltökonomie an (z.B. die sozial-ökonomischen Erklärungsansätze der Übernutzung der natürlichen Ressourcen und die daraus abgeleitete Diskussion um die Notwendigkeit politisch-rechtlicher Instrumente).

 

3. Weiterentwicklung der traditionellen Ökonomie und Ökologischen Ökonomie zur Nachhaltigen Ökonomie

Die Nachhaltige Ökonomie fordert eine grundlegende Änderung der Lehrinhalte der traditionellen Ökonomie. Das beginnt bei den Grundlagen (zum Beispiel dem Menschenbild) und setzt sich bei den Aussagen zur nationalen Wirtschaftspolitik bis zu den globalen Bedingungen für eine gerechte Weltgesellschaft fort. Im Bereich der Umweltökonomie und Umweltpolitik sollen vor allem die absolut gesetzte Konsumentensouveränität, die Diskontierung künftiger Kosten und Erträge von Umweltschutzmaßnahmen, die beliebige Substituierbarkeit aller, auch sämtlicher natürlichen Ressourcen, die Position der schwachen Nachhaltigkeit u.v.a.m. hinterfragt werden. Dagegen soll der Aspekt der Gerechtigkeit eine stärkere Berücksichtigung erfahren. Die Kernaussagen der Nachhaltigen Ökonomie beruhen auf den Erkenntnissen der Nachhaltigkeitswissenschaft (Sustainable Science). Im Zentrum steht die Auseinandersetzung, wie sich ausreichende ökologische, ökonomische und sozial-kulturelle Standards in den Grenzen der natürlichen Tragfähigkeit erreichen sowie das intra- und intergenerative Gerechtigkeitsprinzip verwirklichen lassen.

 

4. Kontroversen einer Nachhaltigen Ökonomie

Die Nachhaltige Ökonomie ist keine statische Theorie, sondern sieht die Notwendigkeit weiterer Diskussionsprozesse und die Ausweitung des Erkenntnisinteresses entsprechend der globalen Entwicklung. Hierbei existiert eine Reihe von Kontroversen, die noch geklärt werden müssen. Eine zentrale Kontroverse behandelt die Frage, wie das traditionelle Wachstumsparadigma durch ein Nachhaltigkeitsparadigma ersetzt werden kann: Da ein exponentielles Wachstum mit einer zunehmenden Inanspruchnahme natürlicher Ressourcen über Jahrtausende nicht möglich ist, wird die Ersetzung des heutigen Wachstumsparadigmas durch ein Nachhaltigkeitsparadigma zur notwendigen Voraussetzung einer zukunftsfähigen Entwicklung. Über die mittelfristige Ausgestaltung existieren allerdings unterschiedliche Meinungen (Steady-State-Ansatz mit konstantem BIP versus selektives Wachstum, das den Ressourcenverbrauch trotz wirtschaftlicher Entwicklung senkt). Ein selektives Wachstum soll durch die konsequente Umsetzung der Effizienz-, Konsistenz- und Suffizienzstrategie erreicht werden.

 

5. Eine Nachhaltige Entwicklung und Ökonomie beruht auf ethischen Prinzipien und damit auch auf der Forderung nach persönlicher Verantwortung und Handlung

Im Mittelpunkt stehen die Grundwerte der intra- und intergenerativen Gerechtigkeit und Verantwortung. Hieraus folgt z.B. das Recht auf gleiche Ressourcenansprüche, u.a. auf gleiche Emissionsrechte pro Kopf. Hinzu kommt die Anerkennung weiterer wichtiger Prinzipien: u.a. des Vorsorgeprinzips sowie der Prinzipien der Dauerhaftigkeit und Angemessenheit einer partizipativen und solidarischen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, aus der die Notwendigkeit eines gesellschaftlichen Diskurs- und Partizipationsprozesses sowie die Aufnahme genderspezifischer Aspekte abgeleitet wird. Damit einher geht die Forderung, dass das in der traditionellen Ökonomie verwendete, aber durch zahlreiche Untersuchungen der Verhaltensökonomie und der Gehirnforschung als unrealistisch erkannte Menschenbild des homo oeconomicus zu hinterfragen ist. Stattdessen sollte ein realistischeres Menschenbild verwendet werden, das dem kooperativen Potenzial des menschlichen Handelns (homo cooperativus) und seiner Heterogenität stärker Rechnung trägt. Weiterhin sollen die Potentiale für einen kulturellen Wandel ausgelotet werden, wobei im Mittelpunkt ein nachhaltiger Konsum steht, der zu einer nachhaltigen Produktions- und Lebensweise beitragen soll.

 

6. Inter- und transdisziplinärer Ansatz

Die Nachhaltige Ökonomie will über die rein ökonomische Betrachtungsweise hinausgehen und die ökonomischen Prozesse im Rahmen eines sozial-ökologischen Zusammenhanges analysieren. Hierbei spielen die Nutzung der Erkenntnisse sowie eine enge Kooperation mit den anderen Sozialwissenschaften sowie mit den Geistes-, Natur- und Ingenieurwissenschaften eine besonders wichtige Rolle.

 

7. Notwendigkeit der Änderung der Rahmenbedingungen mittels politisch-rechtlicher Instrumente

Mit Hilfe politisch-rechtlicher Instrumente sollen die Rahmenbedingungen so verändert werden, dass die weitere wirtschaftliche Entwicklung die Grenzen der natürlichen Tragfähigkeit einhält. Hierzu werden der Standard-Preis-Ansatz und der Ansatz der meritorischen Güter verwendet.

 

8. Notwendigkeit der Operationalisierung des Nachhaltigkeitsbegriffs, neue Messsysteme

Eine Sinnentleerung des Nachhaltigkeitsbegriffs soll durch die Formulierung von Prinzipien, Managementregeln und neuen Messsystemen für den Nachhaltigkeitsgrad und die Lebensqualität verhindert werden. Anders als die traditionelle Ökonomie, die Lebensqualität und Wohlstand (gemessen am BIP pro Kopf) gleichsetzt, benötigt eine Nachhaltige Ökonomie geeignete Ziel- und Indikatorensysteme.

 

9. Globale Verantwortung

Als zentrale Bedingungen für eine Nachhaltige Entwicklung werden u.a. anerkannt: Einführung eines globalen Ordnungsrahmens (mit Regulierung der Finanzmärkte, Abgaben auf die globalen Umweltgüter und Finanztransaktionen, sowie sozial-ökologische Mindeststandards, u.v.a.m.). Senkung des globalen Ressourcenverbrauchs um 50% bis 2050. Akzeptiert wird, dass die Industrieländer aufgrund der historischen Entwicklung und der größeren Leistungsfähigkeit eine Vorreiterrolle für die Verwirklichung der intra- und intergenerativen Gerechtigkeit, globalen Nachhaltigkeit und fairen Handelsbeziehungen einnehmen müssen und daher ihren Ressourcenverbrauch um 80-95% bis 2050 senken müssen. Diese Verantwortung muss sich entsprechender finanzieller und technologischer Unterstützung niederschlagen.

 

10. Nachhaltige (sozial-ökologische) Markt- oder Gemischtwirtschaft

VertreterInnen der Nachhaltigen Ökonomie lehnen eine kapitalistische Marktwirtschaft ebenso ab wie eine zentrale Verwaltungswirtschaft, weil sie davon überzeugt sind, dass nur marktwirtschaftliche Systeme mit einem nachhaltigen Ordnungsrahmen zukunftsfähig sind. Danach muss die Politik aktiv eingreifen, um eine Nachhaltige Entwicklung sicherzustellen und die Folgen von Marktversagen zu vermindern. Hierzu werden die bekannten Ziele des Deutschen Stabilitätsgesetzes um eine Reihe weiterer Ziele ergänzt und ein nachhaltiger Umbau der Volkswirtschaften (Transformation) gefordert. Darüber hinaus werden institutionelle und eigentumsrechtliche Änderungen gefordert und diskutiert (z.B. die Umwandlung von Kapitalgesellschaften in Genossenschaften, Stiftungen und Kommunalunternehmen sowie ihre Neugründungen als auch die Änderung des Aktienrechts).

Um die Transformation der Industriegesellschaft in eine nachhaltige Wirtschaft zu beschleunigen, werden zentrale Strategie-/Handlungsfelder ausgewählt, in denen dieser Transformationsprozess mit Hilfe der Effizienz-, Konsistenz- und Suffizienzstrategie exemplarisch vorangetrieben wird (nachhaltige Wirtschafts-, Energie-, Mobilitäts-, Landwirtschafts- und Ressourcenschonungspolitik). Besonders wichtig ist hierbei der nachhaltige Umbau der Produkte und Unternehmen, hierdurch wird die Nachhaltige Ökonomik zur Nachhaltigen Ökonomie und Nachhaltigkeitsmanagement. Das gilt auch für die notwendige Reform der Geld-, Finanz- und Währungspolitik.